Oberuckersee

Hintergrund und archäologische Situation
Das Projekt Oberuckersee (im Nordosten von Brandenburg, Landkreis Uckermark) war die erste Auftragsarbeit unseres Vereins. Im Rahmen der Dissertation von Frau Kirsch wurde der Verein gebeten, Pfahlhölzer für eine Neubestimmung der Jahresdaten mittels Dendrochronologie aus dem Oberuckersee zu bergen. Der See hat eine Länge von etwa fünf km und eine Breite von etwa 1,6 km und ist an seiner tiefsten Stelle etwa 25 m tief.
Auf der Höhe der Ortschaft Fergitz liegt die sogenannte „Burgwallinsel“. Bestimmend für unser Vorgehen war die Arbeit von Joachim Herrmann aus den sechziger und siebziger Jahren, wo die genauen Lagen der Pfahlreste für die Brückenkonstruktionen („Kurze/Tiefe Brücke“, „Lange Brücke“) im Oberuckersee ersichtlich waren. Diese verlaufen in nördlicher und nordwestlicher Richtung. Es handelt sich um eine zu prospektierende Fläche von 7.500 m².

Durchgeführte Arbeiten
Es wurden 1997 insgesamt acht Tauchgänge durchgeführt, wobei die genaue Lage der „Kurzen Brücke“ ermittelt wurde. Die aufgefundenen Pfahlreste in Tiefen zwischen zwei und vier Metern wurden mittels einer Schnur verbunden und die Pfahlabstände mittels Triangulation eingemessen. Danach wurden siebzehn Holzproben für die dendrochronologische Untersuchung entnommen. Die Untersuchung der geborgenen Pfahlreste erfolgte durch Dr. Heußner im Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin Dahlem. Weiterhin wurden Oberflächenfunde geborgen.
In den Jahren 2000 bis 2008 wurde das Areal im mittleren Bereich der „Tiefen Brücke“ intensiv untersucht. Von besonderem Interesse war die Frage, ob die Brücke wirklich auf der gesamten Länge und bis in eine Tiefe von 17 m durchgängig ist. Insgesamt wurden z. B. in 2002 an 17 Arbeitstagen 40 Tauchgänge mit einer Gesamtgrundzeit von etwa 28 Stunden absolviert. Dabei ist eine Fläche von mehr als 500 m² prospektiert worden. Es wurde eine Skizze von den eingemessenen Pfählen (Areal I, Areal II) angefertigt.

Aufgetretene Schwierigkeiten
Die Arbeitsbedingungen waren besonders schwierig, da das Areal sehr groß ist (mehrere 1.000 m²), die Sicht sehr schlecht (zumeist 0,5 – 1 m) und die Beleuchtung sehr schwach. Hinzu kommt die Kälte in dieser Tiefe (4-8 °C). Ein großes Problem ist die Orientierung, da Bojen auf der Wasseroberfläche nicht dauerhaft gesetzt werden dürfen. Wir arbeiteten daher mit Hilfe von GPS. Wegen der schlechten Sichtverhältnisse ist das Wiederfinden der Fundstellen unter Wasser trotzdem schwierig. Erschwerend kam hinzu, dass motorbetriebene Boote auf dem See nicht erlaubt sind.

Ergebnisse
Die „Lange Brücke“ führte 2,2 km in nördlicher Richtung bis zum heurigen Ort Seehausen. Es handelte sich vermutlich um einen aufgeständerten Bohlenweg. Die einzige Holzprobe ergab für das einphasige Bauwerk eine Datierung in das Jahr 991 n. Chr. Die „Tiefe Brücke“ führte 400 m in nordwestlicher Richtung von der Insel weg. Es liegen drei Datierung von Proben aus dem in der Seerinne befindlichen Pfahlfeld zwischen 1157 und 1180 vor. Welche somit ebenfalls in die spätslawische Ära fallen.
Eine zeitgleiche Existenz beider Bauwerke ist aber sehr unwahrscheinlich. Dass die „Lange Brücke“ als Bohlenweg oder Steg etwa 180 Jahre nach ihrer Fertigstellung noch funktionstüchtig war, ist nahezu ausgeschlossen. Untersuchungen in Mecklenburg ergaben bei slawischen Holzbrücken eine Lebenserwartung von wenigen Jahrzehnten.

Das Ziel einer detaillierten Komplettaufnahme des 400 m langen Brückenbauwerks in einer Tiefe von bis zu 17 m wurde erreicht. Es finden sich relativ regelmäßige Pfahlsetzungen im flachen Uferbereich bis 4 m (sowohl inselseitig bis zur Abbruchkante ca. 100 m vom Ufer entfernt als auch am Fergitzer Brückenkopf bis etwa in 20 m Entfernung vom Ufer) auch am Seegrund in 12 – 17 m Wassertiefe. In den relativ steil abfallenden Hanglagen fehlen oberhalb des Sediments allerdings sichtbare Spuren einer Substruktion. Im Ergebnis reduzierte sich die immense Ausgangsfläche auf reichlich 3.000 m² fundträchtigen Trassenverlauf.

Die Einmessung erfolgte zunächst durch eine Offsetmessung. Im weiteren Verlauf konnten mit Hilfe einer Reflektorboje alle sichtbaren Hölzer im abgespannten Bereich (ca. 1.450 m²) tachymetrisch eingemessen werden. 64 Pfähle wurden bezüglich ihres Neigungswinkels und der Neigungsrichtung untersucht. Die Mehrzahl ragt zwar mehr oder weniger senkrecht (teilweise 4 m) auf, doch gibt es auch Neigungswinkel unter 60°, was im Verband eines Jochs keinen Sinn ergibt.
Die aktuelle Pfahlanordnung muss solange als unleserlich bezeichnet werden, wie sich aus der Auswertung der Neigungsdaten keine neuen Erkenntnisse ergeben. Auch die bisher nur punktuell erfolgte Datierung der „Tiefen Brücke“ reicht nicht aus, um Aussagen zur Zeitkonkordanz der einzelnen Segmente machen zu können. Ebenso ist die Interpretation der sich im Mittelteil herauslösenden, dritten Pfahlreihe noch unklar.

Von den siebzehn Proben konnten nur vier Proben aufgrund zu geringer Jahresringdichte bestimmt werden, obwohl die Hölzer einen Durchmesser von acht bis fünfzehn Zentimeter besaßen. Die analysierbaren Proben wurden in das 10. bis 11. Jahrhundert datiert. Hermann gab für eine Datierung das 12. bis 13. Jahrhundert an. Somit sprechen die neueren Dendrodaten für eine frühere Bauphase.
Unbestritten hat man im tieferen Bereich des Oberuckersees versucht, eine brückenartige Konstruktion zu errichten. Für die scheinbaren Lücken im Befund sind drei Erklärungen denkbar:

Vom 5. bis 8. November 2009 konnte Andreas Schablowsky die Forschungsergebnisse auf dem internationalen Fachkongress „Archäologie der Brücken - Archaeology of Bridge“ in Regensburg vorstellen. 2011 erschien der Aufsatz: „Die slawenzeitlichen Holzrudimente im Oberuckersee in Brandenburg“ in: Archäologie der Brücken: Vorgeschichte, Antike, Mittelalter, Neuzeit. Herausgeber ist die Bayerische Gesellschaft für Unterwasserarchäologie e. V. (BGfU), 54 Themenbeiträge von Autoren aus 15 europäischen Nationen, Verlag Friedrich Pustet (siehe unten).

Nachtrag
Nach neun Jahre währenden Versuchen mit verschiedensten Techniken (Rüttler, Sedimentbohrer, freispülen, Hebesäcke) ist es Tauchern im Jahr 2015 gelungen, einen Brückenpfeiler aus 17 m Tiefe zu bergen. Der ausgesuchte Pfahl ragte 1,8 m aus dem Grund auf und gehörte mit 25 cm Durchmesser zu den stärkeren in seinem Umfeld. Die Strecke vom Ufer bis zur Tauchstelle beträgt 650 m. Letztendlich konnte der Pfahl mit Hilfe mehrerer Hebesäcke gezogen werden. Faszinierend war, dass der Pfahl selbst nach so langer Zeit noch schwamm. Er steckte rund vier Meter im Grund und besitzt einen durchschnittlichen Umfang von ca. 70 cm. Besonders hervorzuheben sind zwei waagerechte, mit Beil oder Axt hergestellte Einkerbungen ein Stück oberhalb des zugespitzten Endes (siehe den ausführlichen Bergungsbericht von Jan Seifert, mit Bildern). Der Pfahl kann in der Kirche von Fergitz besichtigt werden.
 


Ausstehende Arbeiten